Linksrum 2/2010

PERSON

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Wenn sie zum Türken wird -
Barbara Kern will bewegen

von Mathias Frei

Der Thurgau hat die Thurgauerin politisiert. Ihre grosse Liebe ist und bleibt aber Griechenland. Die 56-jährige Kreuzlingerin hat seit 2004 Einsitz im Kantonsrat und ist designierte Präsidentin der SP Thurgau.

Vielleicht würde am 23. April nicht eine Frau zur ersten Präsidentin der Kantonalpartei gewählt werden, wenn die EWR-Abstimmung 1992 einen positiven Ausgang genommen hätten oder Barbara Kern den Thurgau nie verlassen hätte. Zwei Geschichten.

Erstens.
Barbara Kern wächst in Berlingen am Untersee auf. Bürgerlich, aber mit sozialen Anleihen, so sei es in der Familie gewesen. Ihr Vater wäre heutzutage vielleicht bei den Grünliberalen. Dann sagt sie, die SP müsse eine Linkspartei bleiben und sich linker als bis anhin positionieren. Denn in der Mitte würden sich schon genügend Leute suhlen. Und angesichts einer neuen Schweizer Linkspartei sagt sie, die SP müsse auch in Zukunft die treibende linke Kraft sein. Barbara Kern steht also für Bewegung ein, Bewegung dezidiert links der Mitte. Und als sie 18 war, kam sie auch in Bewegung, wollte raus, weg aus dem Thurgau, etwas anderes sehen. Damals gab es im Thurgau noch keine Pflegefachschule. Deshalb Leben und Arbeit im Kanton Zürich. Im Jahre 1993 kam sie wieder zurück. In Männedorf liess sie sich zur Pflegefachfrau HF ausbilden. Weiter absolvierte sie Zusatzausbildungen in Anästhesie und Rettungsdienst. Und dann der Thurgau, dieser Thurgau, gopferteli. Barbara Kern hatte eine neue Herausforderung gesucht und sie in Münsterlingens Notfallmedizin gefunden. Sie habe den beruflichen Kitzel gebraucht und sei politisch auf die Welt gekommen.

Und dann wieder dieser Thurgau
Der Thurgau sei ein furchtbar konservativer Kanton gewesen, sie habe sich um 50 Jahre zurückversetzt gefühlt. Ihr habe die politische Heimat gefehlt. Schon in Zürich hat Barbara Kern immer linksgrün gewählt und abgestimmt, ist politisch interessiert, geht gegen Atomkraftwerke und für die Fristenlösung auf die Strasse, ist aber nicht in einer Partei aktiv, weil andere für sie Politik gemacht haben. Aber anfangs der 1990er-Jahre ist das im Thurgau anders. Die Rückkehr in den Thurgau habe sie politisiert, leben heisse auch überleben. Sie will einen neuen Kanton, offen, grün und sozial. Heisst: SP oder Grüne. Schlussendlich liegt die SP vorne, seit 1997. Heute ist Barbara Kern glücklich ob des Entscheids. Kurz vor der Jahrtausendwende wird sie ins Kreuzlinger Stadtparlament gewählt, 2004 in den Kantonsrat. Sie wird Mitglied bei der Unia und im VPOD, ist im VCS Thurgau engagiert, erhebt im Vorstand von Personal Thurgau ihre Stimme, wo sie sich bisweilen auch gegenüber ihrem Arbeitgeber exponiert. Aber einer wie Barbara Kern kündigt man nicht so schnell.

Griechenland, ihre Liebe
Zweitens. Griechenland. Familienferien hätten immer in der Schweiz stattgefunden, erinnert sie sich. Mit 21 war Barbara Kern zum ersten Mal in Athen. Sie habe sich schon immer für Griechenland, seine Kultur und Sprache interessiert. Aber damals habe es ganz anders, ganz besonders gerochen auf dem Flughafen Athen-Hellinikon. Natürlich auch nach Kerosin. Seither reist Barbara Kern regelmässig nach Griechenland, nach Korfu, bis zu dreimal jährlich. Oder entdeckt sechs Monate lang das Land auf dem Velo. Oder ist zur Zeit auf der Suche nach einer kleinen Zweitwohnung in Athen. Oder spricht Neugriechisch – mit Ausnahme der Beamtensprache – wie Schweizerdeutsch. Ihr Integrationsprozess hat Jahre gedauert. Wichtig sei, sich über die Sprache einbringen zu können. Aber was jetzt passiere, diese Krise, welche unter anderem von Vetterliwirtschaft und Korruption herrühre, das mache ihr Bauchweh. Griechenland sei nun einfach der Buhmann, werde von Europa runtergeklatscht. Und Barbara Kern ist die Idee eines integralen Europas beileibe nicht unsympathisch. Sie hatte 1992 gehofft, dass die Schweiz dem EWR-Beitritt zustimmen würde, damit sie zu einer ordentlichen Arbeitsbewilligung in Griechenland komme könnte. Dann lebte sie heute vielleicht nicht in Kreuzlingen, wo sie sich wohlfühlt, auch weil mit Konstanz Europa nicht weit weg ist.

Auf die Strasse gehen
Der Thurgau lasse sich nur über politische Arbeit verändern, sagt Barbara Kern. Sie habe einen riesigen Respekt vor dem Präsidium, aber Ideen und Energie seien vorhanden. Von Flugzeugen im Bauch redet sie. Nun gelte es, die nächsten Parlamentswahlen aufzugleisen, national 2011, kantonal 2012. Dann nimmt sie tief Luft. Der Mitgliederschwund sei das eine Problem, die Verluste in den Parlamenten ein anderes. Die Basis müsse wieder motiviert werden, auf die Strasse zu gehen, man müsse mit den Menschen ins Gespräch kommen und sagen: „Ich bin Sozialdemokratin, dafür stehe ich ein.“ Der Stammtisch sei weniger SP-Territorium. Ein wichtiges Thema ist für Barbara Kern Steuergerechtigkeit. Jede und jeder müsse Verantwortung tragen für die Gesellschaft. Oder die Problematik der Lohnschere, die sich immer weiter öffnet. Oder neue Armut, weshalb Barbara Kern auch klar für einen gesetzlichen Mindestlohn votiert. Oder die Perspektivlosigkeit bei SchulabgängerInnen, welche sie betroffen macht. Aber einfacher sei es nicht geworden seit den letzten Kantonsratswahlen. Die SVP habe einen rechten Kurs eingeschlagen, mit jüngeren Exponenten am Rechtsaussen-Rand. Früher sei die SVP in sozialen Fragen ab und an gleicher Meinung gewesen. Heutzutage halte ein strenger Konservativismus Einzug. Das Klima sei härter geworden.

Büezer abholen
Mit der Flatrate-Dampfwalze habe man letzten September die Leute abgeholt, auch die Büezer. Politik müsse man in der Sache ernst nehmen, über sich selber aber auch mal lachen können, sagt Barbara Kern. Viele Büezer habe die SP an die SVP verloren. Eigentlich sollten die Leute sehen, wer für sie einstehe. Aber die SVP-Propaganda sei plakativ, und hintenrum würden die Sozialwerke beschnitten. Da wird ihre Stimme ein wenig lauter, ein halbe Tonlage höher. In Griechenland gebe es die Redewendung, dass man „zum Türken werde“, also impulsiv, im positiven Sinne unbeherrscht. Und dann: Wahrscheinlich sei die SP zum Teil zu kompliziert geworden in ihren Aussagen. Mit einem differenzierten Populismus habe sie keine Mühe. Wenn die Dinge beim Namen genannt, aber nicht unsachlich vereinfacht würden.

Und eine, die sitzen bleibe im Rat, sich also ihrer Stimme enthalte, sei sie ebenso wenig. Bei den wichtigen Dingen im Leben muss man sich eben entscheiden.

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